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Wo Medikationsfehler entstehen und was dagegen wirkt

Gerhard Feilmayr, 18.08.2026

Schäden durch Arzneimittel sind kein Randphänomen des Krankenhausalltags, sondern ein messbares und systematisch beschreibbares Risiko. Teil 1 der fünfteiligen Serie in der aktuellen Österreichischen Ärztezeitung fasst zusammen, wie häufig solche Schäden auftreten, an welchen Stellen des Behandlungsprozesses sie entstehen und welche Maßnahmen sich in Studien als wirksam erwiesen haben.

Im Juli wird eine ältere Patientin nach einem sturzbedingten Schwindel in die Notaufnahme eingewiesen. Die Abklärung ergibt ein akutes Nierenversagen infolge eines ausgeprägten Flüssigkeitsmangels (Exsikkose), verursacht durch eine Dauertherapie mit entwässernden Medikamenten (Diuretika) während einer sommerlichen Hitzewelle. Die Indikation zur stationären Aufnahme ist gestellt.

Der Fall ist alltäglich und genau deshalb aussagekräftig, denn nicht die Grunderkrankung führt hier ins Krankenhaus, sondern die Therapie selbst. In der Fachliteratur wird ein solches Ereignis als Medication-Related Adverse Event (MRAE) bezeichnet. Ereignisse dieses Typs sind regelhaft mit erhöhter Morbidität und Mortalität assoziiert, werden im klinischen Alltag aber nur selten als solche benannt.

Warum die Begriffe wichtig sind

In Literatur und Gesetzgebung existiert eine präzise Nomenklatur, deren Konzepte eng ineinandergreifen. Für die Analyse eigener Fälle lohnt sich die Unterscheidung.

Medication-Related Adverse Events (MRAEs) bilden den wissenschaftlichen Überbegriff. Er fasst alle unerwünschten Effekte zusammen, die im Zusammenhang mit einer Arzneimitteltherapie auftreten.

Eine Adverse Drug Reaction (ADR), im Deutschen unerwünschte Arzneimittelwirkung, bezeichnet eine schädliche und unbeabsichtigte Reaktion auf ein Arzneimittel. Differenziert wird danach, ob sie bei bestimmungsgemäßem Gebrauch, infolge eines Medikationsfehlers, bei Missbrauch oder bei beruflicher Exposition auftritt.

Ein Adverse Drug Event (ADE) ist ein schädliches Ereignis, das in bloßem zeitlichen Zusammenhang mit einer Arzneimittelanwendung steht, ohne dass eine Kausalität belegt sein muss.

Ein Medication Error (ME) oder Medikationsfehler ist ein Abweichen vom optimalen Medikationsprozess, das zu einer vermeidbaren Schädigung führen kann oder führt. Solche Fehler können an jeder Stelle des Prozesses auftreten. Verursacht werden sie von Ärzt:innen, Pharmazeut:innen, der Pflegekräfte, Patient:innen oder Angehörigen.

Der praktische Nutzen dieser Trennschärfe liegt auf der Hand. Nur wer benennt, ob ein Ereignis vermeidbar war, kann daraus eine Prozessverbesserung ableiten.

Die Dimension des Problems

Bei fünf bis 15 Prozent aller stationär behandelten Patientinnen und Patienten treten unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Pharmakotherapie auf. Rund 20 Prozent der Hospitalisierten erleiden einen medikamentösen Schaden, und etwa zehn Prozent aller Krankenhausaufenthalte sind direkt darauf zurückzuführen. Menschliche Faktoren, unzureichende Arbeitsbedingungen und Personalmangel begünstigen Medikationsfehler zusätzlich. Wirksame Interventionen sind bekannt, ihre Umsetzung variiert in der Praxis jedoch erheblich.

Wer besonders gefährdet ist

Lebensalter und Multimorbidität. MRAEs treten bei geriatrischen Patient:innen im stationären Bereich bis zu viermal häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Ursächlich sind physiologische Veränderungen wie eine reduzierte Nierenfunktion sowie eine ausgeprägte Polypharmazie. Multimorbidität gilt als unabhängiger Risikofaktor.

Hochrisiko-Medikamente (High-Alert Medications). Bestimmte Substanzklassen bergen bei Fehlanwendung ein exzessives Schadenspotenzial, darunter Antithrombotika, Chemotherapeutika, Insuline, Opioide sowie Substanzen mit schmaler therapeutischer Breite. Schwerwiegende Fehldosierungen gelten in Österreich als „Never Events“, also als vermeidbare Behandlungsfehler, die niemals auftreten sollten.

LASA-Arzneimittel. Präparate, die sich im Aussehen oder im Namen ähneln (look-alike/sound-alike), in Indikation und Eigenschaften jedoch völlig unterschiedlich sind.

Der Medikationsprozess als Fehlerquelle

Für das Qualitätsmanagement ist eine Erkenntnis zentral: Die Fehler verteilen sich nicht gleichmäßig über den Prozess. Mit 47 Prozent aller MRAEs ist die ärztliche Verordnung der kritischste Schritt. Bei geriatrischen Patient:innen wird die Quote der Fehlverordnungen, unnötige Verschreibungen und Falschdosierungen eingerechnet, sogar auf bis zu 58 Prozent geschätzt. Daraus resultiert ein Viertel aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen.

Die eigentliche Verabreichung macht 22 Prozent der MRAEs aus, wobei die Hälfte davon im Rahmen einer intravenösen Applikation auftritt. Transkription, Dispensierung und Bestellwesen fallen quantitativ deutlich weniger ins Gewicht.

Als Hochrisiko-Phasen gelten primär die Schnittstellen des Behandlungsprozesses. Allein 64 Prozent aller Medikationsfehler entstehen im Aufnahmeprozess, die zweite kritische Zone ist das Entlassungsmanagement. Betroffen sind damit genau jene Punkte, an denen Informationen den Träger wechseln und an denen Medikationslisten unvollständig, veraltet oder gar nicht vorhanden sind.

Was nachweislich wirkt

Den größten belegten Effekt hat ein strukturierter Medikationsabgleich (Medication Reconciliation) an ebendiesen Schnittstellen, idealerweise unterstützt durch klinische Pharmazeut:innen. Dabei wird systematisch erhoben, welche Präparate eine Patientin oder ein Patient tatsächlich einnimmt, und mit der aktuellen Verordnung abgeglichen. Studien belegen dadurch eine Reduktion von medizinischen Zuweisungen um 67 Prozent, von Notaufnahme-Vorstellungen um 28 Prozent und von Wiederaufnahmen um 19 Prozent.

Voraussetzung für nachhaltige Verbesserungen ist eine offene, sanktionsfreie Fehlerkultur. Für die anonyme Erfassung und Systemanalyse stehen in Österreich zwei etablierte Plattformen zur Verfügung: neverevents.at für definierte, schwerwiegende und vermeidbare Ereignisse und CIRSmedical (cirsmedical.at) als trägerübergreifendes Critical Incident Reporting System zur Identifikation von Systemschwachstellen.

Von der Evidenz zur Umsetzung: die Medication Safety Initiative

Damit ist die entscheidende Lücke benannt. Die wirksamen Maßnahmen sind bekannt und in Studien belegt, ihre systematische Verankerung im laufenden Betrieb gelingt jedoch nur selten. Genau an dieser Stelle setzt die Medication Safety Initiative (MSI) an, ein Programm von MEDCH, das gemeinsam mit österreichischen Krankenhäusern entwickelt wurde.

Die MSI ersetzt keine bestehende AMTS-Strategie. Sie dockt an diese an und überführt sie in ein strukturiertes Umsetzungsprogramm. Dieses umfasst eine niederschwellige, akkreditierte Fortbildung für alle am Medikationsprozess beteiligten Berufsgruppen, messbare Trainings-KPIs für das Qualitätsmanagement sowie einen geschlossenen Regelkreis, in dem die Erkenntnisse aus dem CIRS die inhaltlichen Schwerpunkte der Fortbildung bestimmen.

Das Programm ist in vier Stufen aufgebaut (Base, Advanced, Performance, Excellence). Der Einstieg über die Stufe Base ist kostenfrei und unverbindlich.

Fazit

Ärztinnen und Ärzte nehmen im Medikationsprozess eine Schlüsselrolle ein, insbesondere bei der Verordnung als der fehleranfälligsten Phase überhaupt. Ein systematischer Medikationsabgleich an den Schnittstellen Aufnahme und Entlassung muss im Sinne der Patientensicherheit zum klinischen Standard werden.

Die Grundlage dafür ist gelegt. Am 19. Dezember 2025 hat die Austrian Society for Quality and Safety in Healthcare (ASQS) neue Empfehlungen zur AMTS für Akutversorgungseinrichtungen und die stationäre Langzeitpflege veröffentlicht. Sie bauen auf dem WHO Patient Safety Action Plan 2021-30 „Medication Without Harm“ auf, der eine Reduktion schwerer medikationsbedingter Patientenschäden um 50 Prozent anstrebt.

Quelle und Transparenz

Hilbe W. et al.: Prävalenz medikationsbedingter unerwünschter Ereignisse. Arzneimitteltherapiesicherheit, Teil 1 von 5. Österreichische Ärztezeitung 15/16, 15. August 2026, Seite 34 bis 35. Weitere Autorinnen und Autoren: Mag. pharm. Martina Jeske, MSc, aHPh; Dr. scient. med. Christine Schwarz-Martelanz, BSc MSc; ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Michael Wagner.

Conflict of Interest (Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe): medizinischer Leiter von MEDCH; Co-Leiter der Task Force „Onkologische Pharmazie“ der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie.