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Riskante Rezepte: Was die profil-Titelgeschichte über Medikationsfehler zeigt

Gerhard Feilmayr, 06.07.2026

Das Nachrichtenmagazin profil widmet seine aktuelle Titelgeschichte „Riskante Rezepte“ einem Thema, das uns bei MEDCH seit der ersten Stunde antreibt: Medikationsfehler. Die Recherche macht sichtbar, was im Klinik- und Praxisalltag oft im Verborgenen bleibt, und zeigt, warum Wissen der wirksamste Schutz für Patientinnen und Patienten ist.

Ein Problem, über das kaum jemand spricht

Die Zahlen der Ausgabe 27/2026 sind ernüchternd: 100.000 bis 200.000 Menschen landen in Österreich Jahr für Jahr im Krankenhaus, weil bei der Einnahme von Medikamenten etwas schiefgeht. Fünf bis sieben Prozent aller Spitalsaufenthalte gehen auf Arzneimittelfehler zurück. Die geschätzten Kosten belaufen sich allein in Österreich auf 570 Millionen Euro pro Jahr. Europaweit sterben laut Weltgesundheitsorganisation jährlich mehr als 160.000 Menschen an Medikationsfehlern; in den USA stehen sie an dritter Stelle der Todesursachen, nach Herz- und Krebsleiden.

Und doch wird darüber kaum öffentlich debattiert. Das profil nennt Fehlmedikation eines der drängendsten, aber am wenigsten beleuchtete Probleme der Medizin. Genau deshalb ist diese Titelgeschichte so wichtig.

Warum passieren diese Fehler?

Die Antwort ist unbequem: Die Medizin ist Opfer ihres eigenen Fortschritts. Rund 9.300 Arzneimittel stehen in Österreich derzeit zur Verfügung, jedes Jahr kommen etwa 100 hinzu. Was für die Behandlungsmöglichkeiten ein Segen ist, wird für den Einzelnen zur Überforderung.

Prof. Wolfgang Hilbe, Primar am Zentrum für Onkologie und Hämatologie der Wiener Klinik Ottakring und medizinischer Kopf hinter MEDCH, erinnert sich im profil an die 1960er-Jahre, als die gesamte Nachtdienst-Medikation einer Station in eine Schuhschachtel passte. Heute nehmen gerade ältere Patientinnen und Patienten oft fünf oder mehr Präparate gleichzeitig ein, teils bis zu 20 Wirkstoffe täglich. Wie diese Substanzen interagieren, kann niemand mehr vollständig überblicken.

Dazu kommen strukturelle Faktoren: leicht verwechselbare Medikamentennamen und Verpackungen (die sogenannte LASA-Problematik, kurz für „Lookalikes und Soundalikes“), missverständliche Dosierungsangaben, Zeitdruck und Übermüdung. Rund ein Drittel der Medikationsfehler in Kliniken wird auf Stress und Erschöpfung des Personals zurückgeführt.

Die gute Nachricht: Die Hälfte wäre vermeidbar

Die WHO geht davon aus, dass rund 50 Prozent aller Medikationsfehler vermeidbar wären, und hat dazu die globale Initiative „Medication without Harm“ ausgerufen. Der wirksamste Hebel dafür ist fundiertes, stets aktuelles Wissen über Medikamente, das im Alltag präsent bleibt.

Und hier klafft eine Lücke: Während kein Pilot ein Passagierflugzeug ohne unzählige Simulatorstunden steuern darf, sind Ärztinnen und Ärzte im praktischen Arzneimittelwesen weitgehend auf sich gestellt. Prof. Hilbe formuliert es im profil pointiert: In diesem Bereich seien Mediziner letztlich Autodidakten.

MEDCH: Der Flugsimulator für die Medikamentenanwendung

Aus diesem Gedanken ist MEDCH entstanden. Gemeinsam mit einem medizinisch-pharmazeutischen Expertenteam haben Wolfgang Hilbe und Gerhard Feilmayr eine Trainings-App entwickelt, die das profil treffend als Flugsimulator für die Medikamentenanwendung beschreibt.

Das Prinzip: Lernen am konkreten Fall. Über 1.600 Fallbeispiele aus zahlreichen Sparten der Medizin bilden reale Behandlungssituationen ab. Sie reichen vom Diuretikum, das im Sommer zur Gefahr wird, bis zur Wechselwirkung, die erst im Zusammenspiel mehrerer Präparate entsteht. Beantwortet wird im Multiple-Choice-Verfahren; jede Antwort wird sofort ausgewertet und erklärt. Einheiten wie der tägliche „Fall des Tages“ machen das Training alltagstauglich, denn ein paar Minuten genügen.

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Knapp 7.000 Healthcare Professionals nutzen die App bereits und haben etwa 400.000 Fragen beantwortet. Besonders erfreulich ist die Lernkurve. Lag die Quote korrekter Antworten anfangs bei rund 40 Prozent, liegt sie inzwischen bei etwa 70 Prozent.

Am Universitätsklinikum Wiener Neustadt-Hochegg ist MEDCH bereits routinemäßig im Einsatz, auch in der Nachwuchsausbildung, wie der Ärztliche Direktor Ojan Assadian im profil berichtet. Sein Punkt trifft den Kern: Niemand behält alles Gelernte für immer im Kopf, regelmäßiges Training aber verfestigt das Bewusstsein dafür.

Was Wissen bewirkt: Der Blick nach Uppsala

Dass systematische Medikamenten-Expertise messbar wirkt, zeigt eine im profil zitierte Studie des University Hospital Uppsala in Schweden, wo verordnete Arzneimittel im Stationsalltag zusätzlich aus pharmazeutischer Sicht geprüft wurden. Die Ergebnisse:

  • 16 Prozent weniger Spitalsaufnahmen

  • 47 Prozent weniger Verlegungen auf Intensivstationen

  • 80 Prozent weniger Wiederaufnahmen wegen medikationsbedingter Komplikationen

  • rund 230 Dollar geringere Behandlungsausgaben pro Patient

Die im Artikel zitierte Modellrechnung für Österreich kommt zu einem bemerkenswerten Schluss: Legt man die WHO-Quote von 50 Prozent vermeidbarer Fehler zugrunde, ließen sich hierzulande bis zu einer Viertelmilliarde Euro einsparen. Das profil nennt es einen jener seltenen Fälle, in denen alle Seiten gewinnen. Die Patientinnen und Patienten ebenso wie ein Gesundheitssystem, das unter wachsendem Kosten- und Reformdruck steht.

Unser Anspruch

Die profil-Titelgeschichte bestätigt, wovon wir überzeugt sind: Patientensicherheit beginnt beim Wissen über Medikamente. Dieses Wissen muss niederschwellig, praxisnah und kontinuierlich trainierbar sein. Mitgründer Gerhard Feilmayr bringt es im Artikel auf den Punkt: Es geht nicht darum, die Ärzteschaft an den Pranger zu stellen, sondern das Wissen über Medikamente zu verbessern. Jeder vermiedene Fehler bedeutet weniger Leid, kürzere Spitalsaufenthalte und ein entlastetes Gesundheitssystem.

Zum profil Artikel

Wir danken Alwin Schönberger und der profil-Redaktion für die fundierte Auseinandersetzung mit einem Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient, sowie allen Ärztinnen und Ärzten, die täglich mit MEDCH trainieren.